Die Pokerauffassung von einigen Old School (OS) mit der Young Generation (YG) zu vergleichen ist müssig, denn dazwischen steht die Jahrhunderterfindung… das World Wide Web.
Die YG von heute spielt tendenziell sehr unbekümmert; ein Ausscheiden wird meist, auch nach einem Horror Badbeat, mit Achselzucken hingenommen und man guckt sich nach dem nächsten Turnier um. Bustouts im virtuellen Netz sind bereits während der Registrierung für das nächste Turnier abgehackt.
Die YG sind sich der Varianz bewusst und das Netz bietet zig Möglichkeiten die negative Performance wieder auszugleichen.
Viele OS haben in den 80- und 90ern grossen Aufwand betrieben um irgendwie in Europa ein einigermassen vernünftiges Turnier zu spielen. Nebst der „tight is right“ Devise verfolgten sie mehrheitlich die Spatz-Hand dann Taube-Dach Philosophie.
Junge Menschen, die bereits im Teenagealter erfolgreich Poker gespielt haben, denken mit Mitte 20 bereits ans Aufhören. Poker, das zu Anfang Spass gemacht hat, mutiert bei Ihnen zu einem Mittel-zum-Zweck Instrument; hoher Lebensstandard erreicht, Rücktritt vom Poker, jetzt beginnt das wirkliche Leben!
Für manche OS ist Poker mehr als ein Hobby… es ist eine Leidenschaft, unabhängig von ihrem Einkommen…
Aber die Frage lautet: Hat die OS in der heutigen Pokerwelt eine reelle Chance, speziell beim Turnierspiel, zu bestehen?
Wie fast immer lautet die Antwort: it depends…
Wenn einige „ältere“ Pokerhaudegen ihre verzögerte Wahrnehmung nicht in den Griff bekommen und die logische Dämmerung nicht eintritt, dann steuern diese geistigen Bremser auf schwere Zeiten zu…
Wer heute im Turnierpoker reüssieren möchte, muss soviel Informationen, on and off table, wie möglich aufsaugen, verarbeiten und umsetzen.
Sicher… Es gibt Pokerspieler, völlig altersunabhängig, die noch nie ein Pokerbuch gelesen haben, kein Pokertracker etc. benutzen, sich nicht für Foren interessieren, kaum mit anderen über Spielzüge sprechen und gleichzeitig Millionen scheffeln… und ich bin felsenfest davon überzeugt, dass diese Tatsache auf mindestens 0,00001% der weltweiten Pokercommunity zutrifft…
Es macht wenig Sinn z.B. das Buch „The Mathematics of Poker“ auswendig zu lernen und es ohne Skript vorzutragen… wobei… wenn ich es mir recht überlege, dann ist das Auswendiglernen bei dieser Lektüre der leichtere Part… den Inhalt wirklich zu begreifen ist das eigentliche Problem… ich bin kein echter Massstab aber bisher habe ich gerade mal zwei Kapitel wirklich verstanden…
Grundsätzlich gilt es die Frage aller Pokerfragen zu stellen: „Welches Blatt könnte mein Gegner halten?“
Diejenigen, die den grössten Fragekatalog in sich tragen und ihn zielsicher und rasch abrufen können, werden sich durchsetzen… früher oder später…
Der Grossteil der Information, die es dazu braucht, ist keine Verschlussakte der CIA (ruft bei Wikileaks nur ein müdes Lächeln hervor…) sondern für jeden zugänglich… das Meiste free of charge!
Gewinner 1 zu 1 zu kopieren ist nicht sinnvoll, denn die Pokermoves müssen im Einklang mit der individuellen Persönlichkeitsstruktur übereinstimmen.
Hingegen macht es durchaus Sinn, von erfolgreichen Spielern das eine oder andere abzugucken.
Im deutschsprachigen Raum fallen mir spontan zwei Namen ein, dekorierte Turnierspieler, beide über 40, die den Wandel der Zeit mit Bravour überstanden haben.
Ivo Donev und Andreas Krause
Beide Spieler werden in der Pokerszene divergent wahrgenommen aber der Leistungsausweis (bisher erspielt: über $ 3,3 Mio. an Preisgeldern) und ihre konsequente Hingabe zu Poker ist alle Ehren wert.
Ivo Donev ist einer der fleissigsten „Arbeiter“ der Szene. Zudem wirkt seine Karriere als erfolgreicher Schachspieler unterstützend für das tägliche Pauken von allgemeiner Pokertheorie, Handanalyse, DVD Studium usw.
Auf der anderen Seite bin ich mir sicher, dass eines der Erfolgsgaranten von Andreas Krause, nebst dem Pokertalent, seine Fitness ist.
Auch bei mehrtägigen Pokerturnieren kann er mit seiner Physis locker mit der YG mithalten.
Ein anderes Beispiel:
Beim Mainevent der Swiss Poker Champions Week 2010 in Baden kam es zum Showdown von OS und YG. In einem spannenden Finale bodigte der OS den YG.
Bei diesem Heads-up trafen zwei Pokergenerationen aufeinander, die auf unterschiedliche Weise (gemäss Live Blog von Rosi und meiner Wahrnehmung aus der Vergangenheit) den Finaltisch erreicht haben.
In the red corner… the later runner-up…
Letzten März habe ich ihn beim Mainevent der Spring Poker Festival im CCC Wien, zwei Level lang beobachtet. Diese knapp zwei Stunden waren ein Hochgenuss! Mit einer selbstverständlichen Leichtigkeit hat er sein Stack kontinuierlich aufgebaut. Nebst den vielen uncontested gewonnenen Pots, kam es dreimal zum Showdown: Einmal bekam er volle Auszahlung mit einem Middle Pair bei drei Overcards auf dem Board (what a table image, what a value bet!) und zweimal callte er einen River Einsatz mit Ace High… und lag beide Male richtig! I was very impressed!... by the way… er gewann das Turnier!
Dieser Mann hat den X-Faktor… es gibt gewisse Dinge, egal ob OS oder YG, die man nicht lernen kann…
In the blue corner… the later winner…
Mit dem Sieger des Main Events habe ich seit den 90er Jahren etliche Turnierschlachten ausgetragen. Er war schon damals ein grundsolider Turnierspieler, der praktisch nie die Geduld verlor und sehr diszipliniert auf seine Chance wartete… kein „Bauchspieler“… eher kartenorientiert und mathematisch korrekt handelnd…
Obwohl ich schon seit geraumer Zeit nicht mehr mit ihm an einem Turniertisch gesessen bin, habe ich den "schwerwiegenden" Verdacht, dass er sein Turnierspiel einem fine tuning unterzogen hat... das "Waffenarsenal" erweitert... Richtung „modernes Poker“ umgestellt. Denn… wer mehrere Tage exklusiv kartenorientiert spielt, muss x-mal vom Kartendeck erschlagen werden um ein Turnier dieser Art zu gewinnen… und das kommt höchst selten vor…
Er ist ein weiterer, möglicher Beweis dafür, dass ein OS durchaus mit der YG Schritt halten kann…
Die Chancen stehen gut, dass auch in Zukunft andere OS ein grösseres Stück vom riesigen Turnierpreisgeldkuchen ergattern werden.
Ich wünsche allen Lesern einen guten Rutsch ins neue Jahr!
Möge der Beste gewinnen… oder der Zweitbeste… oder der Drittbeste…