MISTER SWISS RANKING
Montagabend an einem kühlen Herbstabend im Grand Casino zu Bern. Es ist kurz vor halb acht Uhr. Ich sitze zum allerersten Mal in der Pokerabteilung im Casino unserer Hauptstadt. Um acht Uhr beginnt das traditionelle Montagsturnier. Ich nehme zum ersten Mal daran teil. Es ist überhaupt mein erstes Liveturnier. Ich will mich ein bisschen einspielen und Luft schnuppern, sprich die Atmosphäre aufsaugen, damit ich vorbereitet bin für die Swiss Open Pokerchampionship 2007! WOW – Was für ein Turnier!
Das Turnier sollte eigentlich bald beginnen, denn es ist es kurz vor 8 Uhr. Ich bin ziemlich nervös. Aber nicht wegen meinem ersten Liveturnier, sondern darum, weil noch kein einziger Spieler zu sehen ist. Und da passiert es – ein junger Mann läuft an mir vorbei. Ohne zu grüssen. Warum sollte er auch, wir kennen uns ja nicht. Er ist für meinen Geschmack ein bisschen gar auffällig gekleidet. Designerjeans in blau, auffällig grosse und schön polierte Schuhe, und - pfui - der junge Mann trägt einen rosaroten Rollkragenpullover! Es muss wohl ein Albaner sein, denke ich mir, denn auch seine hochgestylten Haare (ca. eine halbe Dose Gel) sind doch ziemlich dunkel, und auch der Klunker, den er um den Hals trägt, deuten darauf hin. Ich frage mich, ob ich persönlich aufrecht gehen könnte, wenn ich eine solch schwere D&C Halskette tragen würde. Krafttraining für die Nackenmuskulatur würde mir zwar nicht schaden, aber nein, das wäre definitiv nichts für mich.
Als wir dann 20 Minuten später am selben Tisch sitzen, er zu meiner linken, ist es mir nach seinen ersten Worten klar. Ich zweifle keine Sekunde mehr, dass dieser dunkelhaarige, braungebrannte (Oktober!) Typ tatsächlich ein Albaner ist. Sein Secondo-Slang ist unverkennbar. Bald schon sind wir auch in unsere erste gemeinsame Hand verwickelt. Ich treffe auf dem Flop und raise, er bezahlt. Auch mein Raise auf dem Turn callt er und ich bin mir ziemlich sicher, dass er die Strasse sucht. Der River bringt eine ungefährliche Karte, sodass ich checke. Er konnte gar nicht anders als anspielen, denn er hatte effektiv nichts getroffen, und ohne Bluff war die Hand für ihn nicht mehr zu gewinnen. Ich schlage diesem vielsprechenden südländischen Pokerspieler ein Reraise um die Ohren und gewinne den Pot. Ich habe ihn ausgetrickst. „Dem habe ich es aber gezeigt!“
Dies war meine erste Begegnung mit Giovanni Zurzolo. Viele weitere sollten folgen. Mit dem Austricksen hat es aber dann später nicht mehr so geklappt. Joe Zurzolo gilt heute, also ungefähr 2 ½ Jahre nach meinem ersten Liveturnier, zu den absolut besten Turnierspieler in der Schweizer Pokerszene. Für mich persönlich ist er sogar der beste und verdient den Namen „Mister Swiss- Ranking“! Seine Bilanz ist schlicht und einfach sagenhaft! Mir persönlich hat er ziemlich viel Geld vor der Nase weggeschnappt. Später jedoch habe ich davon profitiert. Kein anderer Spieler hat mich so oft aus einem Turnier geschossen wie Zurzolo. Und ich habe bis jetzt nie einen Spieler live erlebt, der so viele gute Reads getätitgt hat. Immer wieder brachte er mich zum Staunen. Zudem hat er mir noch nie einen Bad Beat verpasst. Dank Joe habe ich persönlich viel Zeit gespart, denn ich habe von ihm immer wieder wertvolle Tipps erhalten, wo und wie ich mein Spiel verbessern kann. Auf diese Weise konnte ich mir einige Bücher ersparen.
Apropos Bücher, über Joe könnte ich ein Buch schreiben. Wir haben mit dem unglaublich spektakulären Spiel praktisch gleichzeitig begonnen und anschliessend viel zusammen unternommen. Wir haben viel zusammen erlebt und mir bleiben viele schöne Erinnerungen an die gemeinsame Zeit. Wir waren zusammen in Innsbruck an einer Turnierserie, wo wir beide stark spielten und einige Euros gewannen. Zudem sassen wir an den Swiss Open 2008 am Finaltisch, und auch sonst trafen wir uns immer wieder am letzten Tisch eines Pokerturnieres. Joe Zurzolo ist ein verrückter Kerl. Er zelebriert Poker – und er lebt dafür. Oft habe ich mich gefragt, wieso er nie einen Sponsor gefunden hat. Ich bin überzeugt, dass er das pokertechnische Potential hat, um in Europa auf sich aufmerksam zu machen. Mit einem Sponsor im Rücken könnte er es schaffen. Und natürlich mit einem Coach, der ihm den richtigen „Weg“ zeigt.
Am nächsten Donnerstag braucht er weder einen Coach noch einen Sponsor. Am Final Table 2009 ist Joe Zurzolo – Mister Swiss Ranking – aus meiner Sicht der Topfavorit!
Bis zum nächsten Mal, Michel Fankhauser