Kaum jemand gibt freimütig zu, dass er oder sie oft in Klischees denkt, doch genau das tun die meisten Menschen. Was ist falsch daran… ist es überhaupt falsch?
Jedes Klischee hat eine Ursprungsgeschichte, die weitgehend von der jeweiligen Zeit, der Gesellschafts- und Sozialstruktur und schliesslich individuell abhängig ist.
Einige scheinbar allgemeingültige Denkschemen sind teilweise von persönlicher Erfahrung geprägt, andere Gedankenmuster werden unfiltriert und gedankenlos übernommen.
Auf das Pokerspiel übertragen, hört man z.B. folgende herkunftsbezogenen, stereotypen Aussagen: Südländer spielen heissblütig und disziplinlos, Skandis sind ultraaggressiv… und im Ausland gelten die Eidgenossen als Nutsspieler.
Natürlich ist es wünschenswert, sowohl im „wirklichen“ Leben wie auch am grünen Filz vorbehaltlos an die Menschen heranzutreten oder eine Sache indifferent anzugehen.
Das klingt alles sehr schön und vernünftig, doch die Realität sieht anders aus…
Täglich versuche ich meine persönlichen Vorurteile, die alle Lebensbereiche und Sachinhalte betreffen, zu bekämpfen. Ich bin von meinen Eltern sehr streng erzogen worden, d.h. strikte Regeln, die im Wesentlichen eine rigorose Schwarz-Weiss Ideologie aufwiesen. Die Erziehung war teilweise so streng, dass ich fast eine devote Haltung angenommen hatte. Aber ich hatte Glück…
Als ich mit den asiatischen Kampfkünsten in Berührung kam, lernte ich einen Menschen kennen, der so ganz anders war wie alle anderen. Ruhig, bedacht, weise, gütig und doch auch streng und Leistung fordernd. Ich hatte im wahrsten Sinne des Wortes meinen Sensei gefunden.
Nach und nach fand eine erzieherische Ablösung von meinen Eltern zu meinem Kampfsportlehrer statt. … Nein, das ist keine Filmszene von Karate Kid…
Durch ihn fing ich erstmals an, mein aristotelisches Entweder-Oder-Denken kritisch zu hinterfragen. Er lehrte mich, dass man zuerst seinen Gegner respektieren muss um im Kampf zu bestehen… Damals verstand ich seine Lehren nur bedingt aber diese Zen Philosophie vermittelte mir Halt, Ruhe, Verständnis und gesundes Selbstbewusstsein.
In den späteren Jahren entwickelte ich mich zusehends zu einem Menschen des Konsens… keiner, der auf Biegen und Brechen seinen Weg geht… miteinander statt Egotrip (wobei der Egotrip durchaus seine Berechtigung hat)… eine wohlwollende Grundeinstellung zu jedem Einzelnen (utopisch aber wenigstens dafür bemühend). Hier lauert eine andere Gefahr… Die Gratwanderung zwischen massvoller Diplomatie und es-allen recht-machen-wollen ist schmal.
Jetzt würde man meinen, dass ich die Ausgeglichenheit in Person bin, jemand, der völlig unbefangen und neutral den Menschen gegenüber tritt… dann hat mich noch keiner beim Autofahren erlebt…
Im mobilen faradayschen Käfig mutiere ich sporadisch zum Berserker und feuere Zornesblitze in alle Himmelsrichtungen. Da bediene ich mich sämtlicher helvetischer und internationaler Autoklischees, die in reduzierten, salonfähigen Begriffen z.B. folgendes aussagen: „Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass Autofahrer aus den Kantonen Aargau, Thurgau und Appenzell ihr „Billett“ ausschliesslich bei den jährlichen kantonalen Führerschein Lotterieziehungen gewonnen haben“… oder… „Ich weiss aus sicherer Quelle, dass es ein Parkgenom gibt… und dieser fehlt beim weiblichen Geschlecht.“
Übrigens kreiere ich beim Autofahren neue Fluchwörter, die in ihrer Derbheit kaum zu überbieten sind aber diese sinnfreien Ausdrücke schimpfen sich so schön…
Wenn es beim Poker z.B. um Handranges und Wahrscheinlichkeiten geht, dann ist monokausales Denken der richtige Weg zur Entscheidungsfindung.
Bei der emotionalen Gegnereinschätzung hingegen sollte man in Betracht ziehen, dass der Opponent vielleicht seinen Schein gelegentlich trügen lässt. Bequemlichkeit ist der beste Nährboden für Klischees. Oft macht man sich kaum Gedanken darüber aber manchmal geschehen Dinge, weil es der Mensch so will…
Sogar mein Sensei legt ab und an im Alltag auf humoristische Weise seine fernöstliche Höflichkeit ab. Als wir uns nach Jahren letzten Sommer wieder getroffen haben, begrüsste er mich mit den Worten: „Du Aussehen wie fettes Schwein…“ (er spricht wirklich so…) Nun, er hatte recht… seit drei Monaten trainiere ich wieder bei ihm…