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24. Mai 2010, Paris, French Open, First Round, Fish-Federer… Mardy möchte seinen ersten Sandplatz Sieg gegen Roger einfahren. Doch Federer führt bereits 2:0 in Sätzen und im dritten Satz ist er ein Break vorne...


Dann diese Szene… Obwohl Federer knapp zwei Meter im Feld steht, versucht Fish einen völlig unmotivierten Stoppball zu spielen. Seine dilettantische Ausholbewegung schreit geradezu nach: „Jetzt spiele ich einen Stoppball…“ Sämtliche Zuschauer im Stadion, Millionen vor den Bildschirmen und insbesondere Federer beobachten diesen kläglichen Versuch… Roger ist blitzschnell am Netz und wird dieses „Geschenk“ gleich dankend annehmen… doch der Filzball streift das Netz, hüpft unkontrolliert auf der Kante und fällt dann wie ein Stein, für Federer unerreichbar, ins Feld hinein… Fish hebt seine Hand und signalisiert die „Sorrygeste“…

 

Federer schreit auf, gestikuliert wild herum und zitiert Fish ans Netz. Mardy schaut total verdutzt, zottelt zu Federer und muss sich folgende Standpauke anhören: „Wie kannst Du nur diesen Stoppball spielen? Hast Du nicht gesehen, dass ich meilenweit im Feld stehe? Gegen mich, der einer der schnellsten Beine auf der Tour hat! Inzwischen sollte auch Dir klar sein… wenn man hinten ist, kommt man nur mit Geduld und solidem Spiel wieder zurück… und nicht mit out-of-the-blue Schlägen… das glaube ich einfach nicht… und dann wird dein hirnverbranntes Spiel auch noch belohnt! Was hast Du für ein Schweineglück! Wahnsinn! Wie geht das? Zzzzzzzz, spiel nur weiter so…“


Mardy guckt völlig perplex aus der Wäsche, zuckt mit den Schultern und schlendert zur Grundlinie zurück…


Dieser Fantasie-Auftritt ist geradezu grotesk und wäre in der wirklichen Welt ein Ding der Unmöglichkeit.


Federer, der weltbeste Tennisspieler, faltet Fish, einen Top 100 Spieler aber doch mindestens zwei Klassen schlechter als Roger, zusammen… er macht ihn auf Basic Mankos aufmerksam, wirft ihm taktische Fehler vor und unterstellt ihm unverhältnismässiges Glück…


Diejenigen, die über diese utopische Reaktion von Federer den Kopf schütteln, sollten kurz innehalten… das Spiel des Gegners zu kritisieren, gehört an den Pokertischen zur Tagesordnung, manchmal in irrsinniger Weise sogar zum guten Ton!


Es gibt wohl keine einzige Sportart (lassen wir den Umstand, dass Poker als Sportart deklariert wird, für einen Moment so stehen…) auf dieser Welt, in welcher der Gegner in einer unglaublichen Häufigkeit kritisiert und beleidigt wird… das schaffen nicht einmal die WWE und TNA Wrestler… und die sind bedingt zurechnungsfähig… sie leiden bekanntlich an Hirnatrophie und ihre erdnussgrossen Eier machen ihnen ebenfalls zu schaffen…


Die Bahnbreite der Kritik fängt mit einem „Nice Hand“ an… die Art von „Nice Hand“ wo der ironische Unterton, so triefend daher kommt, dass die belegte Stimme nur noch ein Krächzen hervorbringt… und hört z.B. mit der Androhung „Ich rotte Deine Familie aus!“ auf…


In der deutschsprachigen Pokerwelt habe ich seit meinem Pokerstart vor knapp 14 Jahren mit fast allen „Names“ gespielt. Die meisten von ihnen sind heute noch in der Szene… „Respektspieler“, hochdekoriert und teilweise mit Sponsorverträgen ausgestattet.


Aber praktisch alle haben (manche tun es heute noch) den gleichen Kardinalfehler begangen: Den Gegner … z.B. bei einem Suckout, zu kritisieren, ihren Unmut zu äussern und sogar den Opponent zu beleidigen.


In der Vergangenheit habe ich als Bachforelle manch Pokerhai durch mein naives und unorthodoxes Spiel zur Verzweiflung gebracht. Aber ihre Kritiken am Pokertisch haben mich zu einem besseren Spieler gemacht.


Neue Raubfische zu züchten ist nicht besonders professionell…


Leider muss ich mich auch selber an den Pranger stellen… als ich meine erste Pokerfischmutation zum Hecht vollendete, fiel mir nichts besseres ein, schwächere Gegner zu kritisieren und auf ihre Fehler aufmerksam zu machen… Dummheit kennt eben keine Pokergrenzen…

 

Man kann es drehen und wenden wie man will… das Pokerspiel lebt von Fehlern… und wer weniger Fehler macht als andere… ist erfolgreich… der Faktor Glück erhält die Illusion, dass jeder gewinnen kann…


Also warum andere auf ihre Fehler hinweisen? Damit man es noch schwerer hat zu gewinnen? Oder sind Pokerspieler Masochisten? But that’s another issue…


Es ist kaum zu glauben aber sogar ein Weltklasse Turnierspieler wie Phil Hellmuth jr. kann es nicht lassen, regelmässig seine unterlegenen Gegner zusammenzuscheissen… ich meine… zu rügen…


Es war für mich ein langjähriger Prozess… mit der Frustration umzugehen, mit der klar besseren Hand zu verlieren, den vierten Suckout in Folge „zu schlucken“, es nicht persönlich zu nehmen…


Heute bin ich weitgehend „geheilt“… doch alle paar Sessions wieder, tauchen alte Verhaltensmuster auf… dann lasse ich mich zu einem „Bravo, gut gespielt!“, „Mutig, mutig!“, „Soviel Glück muss wehtun!“ oder „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ hinreissen und im selben Moment bereue ich meine depperten Worte zutiefst, steige zu meinem Astralkörper auf, schaue auf mich herunter, schüttle den Kopf und denke laut: „Hornochse, Du lernst es nie!“…