In den 80-er Jahren habe ich erstmals bewusst wahrgenommen, dass die deutsche Umgangssprache vermehrt mit anglophonen Ausdrücken kontaminiert wird. Der Trend hat sich leider fortgesetzt und ohne die Erweiterung des individuellen Wortschatzes durch englisches Vokabular kommuniziert der deutschsprachige Mensch heutzutage nicht mehr „up-to-date“…
Insbesondere wenn das Wort „Sorry“ fällt, zieht sich mein Magen verkrampft zusammen und meine chronische Gastritis macht sich bemerkbar. Obwohl ich es wissenschaftlich nicht beweisen kann, (der Etymologe wird sich bei dieser Aussage an den Kopf fassen…) bin ich absolut davon überzeugt, dass das Wort „Sorry“ anno dazumal von Menschen konzipiert wurde, die eine ausgeprägte Aversion sich zu entschuldigen aufwiesen.
Meine kühne Behauptung steht auf wackeligen Beinen aber es ist ein sozialpsychologischer Fakt, dass Menschen sich tendenziell schwer tun z.B. einen Fehler zuzugeben und um Entschuldigung zu bitten.
Ach wie bequem und leicht ist es dann, wenn man in Sekundenschnelle auf das kurze, zweisilbige Verzeih-Wort zurückgreifen kann und mit einem saloppen „Sorry“ die angespannte Atmosphäre zu lockern versucht.
Die Pokersprache ist aus den bekannten Gründen überwiegend Englisch. Eine willkürliche Germanisierung würde sich kaum durchsetzen und bloss fantastische Stilblüten hervorzaubern.
Auch in der Pokerwelt hat sich das Wort „Sorry“ kontinentübergreifend ausgebreitet. „Sorry“ hat in der Pokerszene nicht die gleiche sinnbildliche Bedeutung wie im Alltagsgespräch. Es vergeht keine Sekunde, ohne dass irgendwo an den virtuellen und Live Tischen dieser Welt das Unwort fällt.
Gestern tauchte ich nach Wochen wieder im GCB auf und spielte das Mittwochsturnier. Das erste All-in verlor ich mit *9c**9s* gegen *10s**9d* von Ralf Peter, der eine Strasse floppte. Die zweiten 4‘000 in Chips verbrannte ich gleich im nächsten Spiel. Ralf erhöhte UTG bei Blinds 150-300 auf 700 und ich ging mit *Ah**Kh* mit 4‘000 all-in.
Der Rest des Feldes foldete und Ralf sagte: „Sorry Cem, ich habe einen easy Call“ und zeigte *As**Ac*. Die bessere Hand gewann den Showdown und als ich meinen Platz räumte, streckte Ralf mir die Hand entgegen und sagte nochmals „Sorry!“
Ich bin mir ziemlich sicher, dass Ralf mit diesem „Sorry“ sein Bedauern ausdrucken wollte. Ich schätze Ralf sehr und mag seine erfrischende und heitere Persönlichkeit am Pokertisch.
Aber im Moment des Ausscheidens bei einem Pokerturnier, kann ich das Wort „Sorry“ nicht mehr hören.
Dabei bin ich als klarer Aussenseiter ausgeschieden und musste nicht einmal einen Badbeat hinnehmen. Trotzdem, ich spiele ein Turnier und irgendwann scheide ich als Favorit, in einer 50-50 Situation oder als Underdog aus. Basta!
Ich bewundere einen Spieler wie Alphons Jäggi, der auch beim schlimmsten Turnier Badbeat mit einem Lächeln allen Spielern viel Glück wünscht und erhobenen Hauptes den Tisch verlässt.
Ich bin dazu nicht fähig. Ich bin immer ein bisschen geschockt und traurig, dass ich nicht mehr weiterspielen kann (u.a. bin ich darum ein Cashgame Spieler) und verlasse meist wortlos den Tisch.
In meinem Inneren bin ich stets der Kämpfer geblieben. Wenn ich ein Pokerturnier vorzeitig beenden muss, bin ich oft frustriert, unabhängig von Buy-in und Art des Ausscheidens. Wobei je teurer das Buy-in, je schlimmer der Badbeat, desto grösser der Frust.
Wenn dann plötzlich eine Hand hervorschnellt und mich der Buster mit „Sorry!“ verabschiedet, ärgere ich mich umso mehr.
Seit ein paar Jahren nehme ich das Pokerspiel nicht mehr allzu persönlich. Das war ein sehr wichtiger Reifeprozess. Als tighter Spieler ist es für mich an der Tagesordnung, dass ich mehr Badbeats einstecke als austeile.
Aber niemand muss sich bei mir für einen Badbeat oder einen Turnierbust entschuldigen. Ich tue es auch nicht!
Natürlich tut es mir auch leid, wenn ich einem sympathischen Spieler einen Sickbeat verpasse aber das gehört zum Pokerspiel und ein „Sorry“ von mir hilft ihm auch nicht weiter.
„Sorry“ und „Handshakes“ sind oft echt und respektvoll gemeint aber einige "Mitleider" haben einen unverschämten und heuchlerischen Ansatz.
Ralf Peter gehört definitiv zu den good guys… inzwischen bin auch ich vom English Virus infiziert…