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Von: Cem Tasalan

Wer oder was ist ein echter Schweizer (Pokerspieler)?

Letzten Oktober fand in Baden bei Wien die Poker EM statt. Während der Turnierwoche wurde auch der Nationencup ausgetragen. Nationen wie Schweden, Dänemark, Ungarn, Niederlande, Russland etc. nahmen am Wettbewerb teil. Das Gastgeberland Österreich, Deutschland, Italien, Finnland und die Schweiz schickten gar zwei Teams ins Rennen.

Im Vorfeld wurden Stimmen, vornehmlich aus dem Schweizer Lager laut, dass im Team Schweiz 2 keine echten Schweizer vertreten sind. Tatsächlich… Ein Zuname wie Acar ist kein bekanntes Emmentaler Geschlecht; auch bei den Namen Hot und Tok werden sich die eidgenössischen Ahnenforscher die Zähne ausbeissen.

Diese Bemerkung hat für Aufruhr gesorgt. Es fielen Worte wie Rassismus und Diskriminierung und die Stimmung unter den Schweizer Spielern war teilweise gereizt.

In meinen satirisch, fatalistischen Gedanken malte ich mir schon Horrorszenen aus… Die Verfechter des Echten verwandeln sich plötzlich in glatzköpfige Bombenjackenträger mit Kampfstiefeln, die mit dem ausgestreckten rechten Arm, im Winkel von 135 Grad, einem Exil-Österreicher Genesungswünsche kundtun…

Zugegeben, die Szene ist völlig überzeichnet und entspricht, Manitu sei Dank, nicht der Realität, trotzdem… diese verbale, vermeintlich harmlose Randnotiz, stiess bei mir ein wenig sauer auf.

Auch ich bin ein Secondo, ein Papierschweizer, ein Ex-Ausländer, ein Schweizer mit Migrationshintergrund… klingt irgendwie alles nach Schweizer 2. Klasse ohne Halb-Tax Abo…

Nun stellt sich bei mir die Frage: Wer oder was ist ein echter Schweizer?

Aber eigentlich müsste die Frage lauten: Warum stellt sich überhaupt diese „Echtfrage“?

Die Angst vor Überfremdung ist in diesem Land nicht neu. James Schwarzenbach hatte es 1970 mit seiner Initiative beinahe geschafft, 300'000 Ausländer per Volksentscheid auszuweisen. Er scheiterte nur knapp. Die rechtspopulistische Volkspartei mit dem Sonnenlogo und insbesondere ihr Obermufti aus Herrliberg, trauern diesem Beschluss heute noch nach.

Wenigstens konnten sie heuer die Verunsicherten davon überzeugen, ein Völkerrecht verletzendes Minarettverbot einzuführen… quo vadis confoederatio helvetica?

Aber bevor ich eine endlose Debatte über die schleichende Angst vor der Islamisierung, sprich Unwissenheit, in Gange setze und den Ahnungslosen den Unterschied zwischen Integration und Assimilisation erkläre, möchte ich an die Worte von Max Frisch, einer meiner Lieblingsautoren und meines Wissens ein echter Schweizer, erinnern: „Wir haben Arbeitskräfte geholt und es sind Menschen gekommen.“

Dass dieser „Echt“-Kommentar von Pokerspielern geäussert wurde, ist besonders traurig. Schliesslich ist doch das Pokerspiel Multikulti pur und der Pokertisch ein fantastischer Melting Pot aller Nationen.

Ist die Schweiz nun fremdenfeindlich? Diskriminierend? Rassistisch? Diese Fragen müssen sich echte Schweizer gefallen lassen.

Meine Antwort als Halb-Schweizer lautet: Nein… mit Abstrichen. Vorletzten Sonntag hat sich der Souverän einen peinlichen Fehltritt geleistet. Sogar der Bundesrat hat nicht „gespürt“, dass das Volk auf Irrwegen wandelt. But hey, shit happens, auch der Publikumsjoker greift gelegentlich bei „Wer wird Millionär“ in die Exkremente…

Wer dennoch an das Schweizer Volk zweifelt, soll sich bei Gelegenheit den vielleicht besten Schweizer Film aller Zeiten reinziehen… „die Schweizermacher“… da lacht das Herz und es erkennt, dass auch die Schweiz sich selbst auf die ausländerpolitische Schippe nehmen kann. Knapp eine Million wohlgesinnte Kinobesucher können nicht irren…

Folgendes Szenario für alle echten Schweizer: Es ist Sommer 2010 in Südafrika… Innauen schnappt sich den Ball aus dem eigenen Strafraum und prescht zügig Richtung Mittelfeld. Mit einem raumöffnenden Pass lanciert er den Rechtsaussen Früh. Dieser flankt den Ball präzise in den chilenischen Strafraum, wo Stürmer Sorglos mit einem wuchtigen Kopfball das 1:0 für die Schweiz erzielt.

Alle echten (und vermutlich einige unechte) Schweizer liegen sich in den Armen und feiern die Führung der Schweizer Fussball Nationalmannschaft.

Ich frage mich, ob sich die echten Schweizer in diesem Moment wirklich dafür interessieren und hinterfragen, inwieweit die Hauptakteure dieses Tores, die in Wirklichkeit Inler, Yakin und Derdiyok heissen, echte Schweizer sind?

Anzeige: 1 - 5 von 5. Kommentare zu «Wer oder was ist ein echter Schweizer (Pokerspieler)?»
 
Hans Mahlstein sagt:
Dienstag, 08-12-09 07:40
Glänzender Blog, Cem. Respekt und Achtung sind die Grundlagen des Zusammenlebens, u.a. basierend auf Kooperation, gutem Zuhören, Antizipieren, Verstehen-Wollen und Selbst-Reflexion. Eigentlich sind einige davon doch Attribute, die wir als Inputfaktoren für den Erfolg an den Pokertischen benötigen. Etwas mehr Weltbürger und weniger Schweizer täte uns manchmal gut. Die Multikulti-Durchmischung der Pokerspieler an den Tischen ist dafür doch bestes Vorbild. Und wer das Swiss Ranking (obwohl nicht das Mass aller Dinge) betrachtet wird mit Demut feststellen, dass unter den ersten 10 des Rankings ca. 70% fremdländisch klingende Namen sind. Nette Menschen wie Du - und ich?
 
Chris Engeler aus Dübendorf sagt:
Dienstag, 08-12-09 11:26
Geil geschriebener Blog mit interessantem Inhalt.
Die Problematik ist bekannt und die Verunsicherung der "Schweizer/innen" ist wohl auf die mangelnde Konsequenz der Behörden im Zusammenhang mit dem Umgang der strafrechtlich relevanten Fälle von Ausländern in der Schweiz zurückzuführen. Würden die Schwarzen Schafe unter den Ausländern auch wirklich entsprechend sanktioniert, würden wir den vielen und überwiegend netten Ausländern einen riesen Gefallen tun. Diese leiden in unserem Land leider zusehend aufgrund von Delikten und Taten derjenigen, welche wohl auch bei sich zu Hause nicht gern gesehen wären. Die Medien sind mit verantwortlich, wann liest man schon mal, dass ein Ausländer einer alten Frau über die Strasse geholfen hat oder sich sonstwie vorbildlicher Verhalten hat als manch ein Schweizer.
Nun es gibt Menschen die man mehr mag und andere weniger. Ich kenne soviele Ausländer und habe sehr gute Freunde unter ihnen, egal welche Herkunft ein Mensch hat, für mich zählt das Herz und dies muss am rechten Fleck sein, scheissegal auf welchem Punkt dieses Planeten.

Gruss Chris
 
Ljubo Lojic aus Rohr sagt:
Dienstag, 08-12-09 19:46
gewinnt die schweizer u 16 oder die nati dann sind wir secondos schweizer.....
 
Armend Nov sagt:
Mittwoch, 09-12-09 01:48
fals irgendöper dänkt das mir secondos jemals schwizer sind oder wärdit dä tüst sich schwer. egal ob ch pass oder nid. für d`eidgenosse sind mir usländer und fertig. s`einzig interessante isch, das ich das land meh lieb als mänge eidgenosse. da frog ich mich dän scho ab und zue wo ich überhaupt stohne, und ob die zueneigig zu däm land nid falsch isch! ich dänke mer es isch egal vo wo mer kont wen mer sich i dä ch dihei fühlt söt mer doch trozdäm stolz unter dä ch fahne döfe ufträte wie es dä besim mit sin team gmacht hät. nähmit die scheuklappe wäg mini dame und herre. und en tip a besim, stell snöchst jahr es team albania uf und dän händ mir die thema au nüm ;-). sorry für mini schriebfehler aber ich bin halt au nur en usländer. gruess und danke a alli normali eidgenosse wie dä hans mahlstein für dgastfründschaft ;-) "speas mea in deo est"
 
Bruno Hostettler sagt:
Donnerstag, 10-12-09 21:54
Cem, du triffst den Nagel (und alle Füdlibürger) auf den Kopf! B R A V O !
Ich bin ein "Eidgenosse", verheiratet mit einer Ex-Ausländerin. Nicht zuletzt liebe ich dieses Spiel gerade wegen den Kontakten mit Menschen aus allen Ländern dieser Welt. Sogar solche die bei ihnen zuhause Krieg geführt haben sitzen zusammen an einem Tisch und "lieben" sich...."muesch mit jedem Schissdräck calle...du Sackgsicht!" Nein im Ernst, alle verstehen sich und wollen dasselbe, nämlich ein faires, unterhaltsames und kollegiales Spiel. Wäreliwär chönnt sich da ächt es Schiibli abschnide, hein? Genauso sollte es doch auch draussen auf der Strasse ablaufen; oder etwa nicht? Und jetzt haltet euch fest...es gibt Leute die wollen uns auch das noch wegnehmen. Naja, ist ja aus politischer Sicht auch verständlich. Es könnte ja sein das wir uns plötzlich noch zu gut verstehen untereinander?! Mein Tip an alle Politiker, ob links, nett oder rechts: "lernt entlich Poker und setzt euch zu uns an die Tische!!"