Es sind nur ein paar Karten, 52 an der Zahl, aber für Pokerspieler sind sie mehr. Sie sind wie Geliebte, die man gerne in der Hand hält und hätschelt (obwohl die Karten bei Profis verdeckt auf dem Tisch liegen) oder sie sind Feinde, die man möglichst schnell loswerden will. Aber um diese 52 Karten dreht sich alles im Zusammenhang mit Poker, dem Spiel, das derzeit auch an Spieltischen in der Schweiz einen wahren Boom erlebt – vom Internet einmal ganz abgesehen. Für den 35-jährigen Ustermer Rino Mathis ist Poker weit mehr als ein Spiel, er bestreitet damit seinen Lebensunterhalt. Rino Mathis ist der einzige professionelle Pokerspieler in der Schweiz – und er blufft zwar von Berufs wegen, aber eigentlich ist er ein ganz netter Kerl…
Von wegen Hinterzimmer
Jedenfalls keiner von der Sorte, denen man in Kriminalfilmen oder Western begegnet, und die im verrauchten Hinterzimmer den Bluff bis zum Exzess zelebrieren, dann und wann auch zur Waffe greifen um Mitspieler mitsamt den Karten ins Jenseits zu schicken. Film eben! Heute haben die Pokerspieler – die meisten jedenfalls – Stil. Und Rino Mathis ist auch nicht mit einem Revolver ausgestattet, sondern mit einem i-Pod, über den er während der Turniere im Ausland sich von Musik berieseln lässt, um vom Lärm um die Tische herum nicht abgelenkt zu werden.
Rino Mathis ist kein «typischer Spieler», sofern es einen typischen Spiele überhaupt gibt. Labile Gemüter sollten nie in ein Spielcasino gehen um dort den grossen Reibach zu machen. Der Ustermer kennt dieses Problem nicht. Er steht mit beiden Beinen auf dem Boden, ist selbstbewusst, kann Nein sagen und nicht nur meinen. Er kann das Risiko abwägen, kann auch verzichten – zugunsten der Familie – und einfach mal zuhause bleiben. Das kann ein «Süchtiger» nicht. Der fiebert mit zitternden Händen, und vielleicht dem einen oder anderen Schweisstropfen auf der Stirn dem nächsten Spiel entgegen.
Pokerface gefragt
Schweisstropfen? Die kann sich Rino Mathis nicht leisten. Denn Pokern ist nicht nur ein Spiel für Glückspilze, sondern auch, wenn nicht vor allem, ein Spiel für Bluffer. Das richtige Pokerface im richtigen Moment hat schon manches schlechte Blatt in der Hand zu einem guten Blatt gemacht. «Das ist es auch, was das Pokern ausmacht», sagt Mathis. «Die Karten stehen in den wenigsten Fällen auf deiner Seite. Dann muss man etwas wagen, cool, durchdacht, aber vor allem dürfen Mitspielende am Minenspiel nicht lesen können, dass ihr Gegenüber ein denkbar schlechtes – oder sehr gutes – Blatt in die Händen hält.»
Direkte Konfrontation
Mathis weiss, wovon er spricht. Am 25. Juli 1972 in Männedorf geboren, ist er heute, nach Umwegen über Schach und Backgammon (letzteres durchaus erfolgreich) der Schweizer Pokerspieler, der das Spiel in der breiten Bevölkerung etablieren will. Wie erwähnt, finden immer mehr Spielernaturen Spass am Online-Pokern, aber für den Zürcher Oberländer Berufsspieler gilt (auch wenn er ab und an, so zum Training, auch auf dem Internet spielt) die direkte Konfrontation mit dem Gegner. Er liebt das Feeling, die Atmosphäre, die kein Computer jemals bieten kann. Dazu gehört riechen, sehen, fühlen, interpretieren – und Geduld. Viel Geduld, denn die meisten Karten werden bereits verworfen, bevor überhaupt gesetzt wird. Seit ein paar Jahren ist Mathis Profi-Spieler, und er kann gut davon leben. Einer seiner größeren Erfolge war der geteilte 1.-4. Platz am Lido Turnier in Amsterdam, was mit 117,000 Euro belohnt wurde. Seither hat er etliche Turniere gewonnen oder vordere Plätze herausgespielt, aber er will wieder ein grosses Turnier gewonnen. Nicht des Geldes wegen, wegen der Anerkennung.
Steuerfrei
Mathis muss nicht am Hungertuch nagen. Vor kurzem gewann der gelernte Elektroniker in Bregenz an einem Wochenende mal schnell 50 000 Franken. 2005 hat er rund 130 000 Franken versteuert – nur die Preisgelder aus dem Ausland. Die in der Schweiz erzielten Gewinne sind steuerfrei, oder anders formuliert, sie werden schon vor der Auszahlung besteuert. Das heisst, man kann gut leben als Spieler, wenn man sich im Griff hat, wenn die Disziplin gewissermassen als Partnerin mit am Tisch sitzt. Denn man kann ja auch verlieren – und muss setzen. Keine läppischen Summen. Deshalb braucht es auch ein ziemliches Pölsterchen an Barem, damit man, so denn das Glück einem nicht mehr so hold ist, eine Durststrecke ohne nennenswerte Probleme überstehen kann.
Disziplin
Das hat bei Familie Mathis bestens geklappt. Und das dürfte auch weiterhin klappen, denn wenn Mathis eines gelernt hat im Laufe seiner Profikarriere (oder auch schon vorher), dann ist es Disziplin.
Sich nicht verleiten lassen von einer Glückssträhne, die allzu schnell ins Gegenteil kehren kann, immer mal wieder Nein sagen können und nicht zuviel riskieren. Das Wissen um Hochs und Tiefs im Spiel unterscheiden einen gefestigten Spieler von einem Spieler.
Der Ustermer Spieler ist ein freundlicher Mensch. Er weiss, was er will, und manchmal muss er auch ein Pokerface aufsetzen. Dabei ist er nie hochnäsig, er ist immer nett, will mit allen gut auskommen und deshalb erzählt er auf seiner Internetseite (am Schluss des Artikels) über das Spiel Pokern, gibt Tipps, die übrigens auch per Mail (rinomathis(at)bluewin.ch) und erzählt über seine Erlebnisse an Turnieren und was sonst noch so in der Poker-Welt abgeht. Und wer so nett ist, dem gönnt man doch gerne hie und da einen Royal Flash… Oder?
Quelle: Uster Nachrichten